Geisteswissenschaft im Dialog

GiD Aktuell

Sie haben eine unserer Veranstaltungen verpasst? Dann können Sie auf perspectivia.net den Audiomitschnitt, auf vimeo das Video sowie auf unseren Weblog weitere Informationen zur Podiumsdiskussion abrufen.

 

14.02.2013 | Kathedralen des Wissens – Bibliotheken im Internetzeitalter


Prof. Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha

ist Direktorin des Zentrums für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale (ZAK) der Universität Karlsruhe (TH).

Statement

Bibliothek der 7 Orte

Ort der Beständigkeit
Digitale Medien sind auf andere Art vergänglich als analoge Medien.
Wo in der ‚analogen Welt‘ die Elemente und Naturgewalten Wissensbestände bedrohen, müssen digitale Informationen zudem unter dem Aspekt ihrer Zerbrechlichkeit (Fragilität) und Flüchtigkeit (Ephemerität) geschützt werden.
Destruktive Kräfte der analogen Welt sind in der digitalen Welt nicht unbekannt. So sind auch hier die Speichermedien von Verfall bedroht. Zudem haben die analogen Gefahren digitale ‚Geschwister‘ bekommen: Dateiformat- und Betriebssystemwechsel, Kompatibilitätshürden, Rezeptionsgeräteverfall. Hierüber müssen Kenntnisse bewahrt und angewendet werden, die in der Bibliothek gut verortet sind.

Ort des Bewahrens
Das Bewahren von Wissensbeständen ist seit jeher eine Kernaufgabe von Bibliotheken. Von kurzfristigen wirtschaftlichen Erwägungen unabhängig, konnten die Bibliotheken und Archive über Jahrhunderte zuverlässig Bestände aufbauen und bewahren. Daran ändert sich auch nichts in einer digitalen Kultur des Wissens. Digitale Langzeitarchivierung ist bereits seit vielen Jahren ein wichtiges Thema für alle betroffe-nen/entsprechenden Einrichtungen/gedächtniserhaltenden Institutionen und die Gefahr, dass Wissen und Kulturgut durch fehlende physische Repräsentanz für die Nachwelt verloren gehen könnten, stellt diese Einrichtungen vor große Herausforderungen. Bibliotheken und Archive etablieren schon immer langlebige Ordnungssysteme und entwickeln Standards, die dazu dienen, die Bestände auffindbar zu machen und sind ebenso Vorreiter der digitalen Langzeitarchivierung. Wer bietet sich für eine vertrauensvolle Aufbewahrung komplexer digitaler Objekte mehr an, als diejenigen Einrichtungen, die dies für uns in der analogen Welt jahrhundertelang erfüllt hat? Bibliotheken haben einen deutlichen Vertrauensvorsprung gegenüber ökonomisch motivierten Unternehmen. Vertrauen ist die Basis für eine funktionierende digitale Langzeitarchivierung.

Ort des Fortschreitens
Bibliothekare und Archivare sahen sich schon immer mit unüberschaubaren Wissensansammlungen konfrontiert. Durch neue Techniken im Bibliotheks- und Archivwesen entwickelten Experten, auf eine lange Tradition und hohe Kompetenz aufbauend, innovative Ordnungs-, Recherche-, Archivier-, Präsentationspraktiken, die dem Laien strukturierten Zugang zu Wissensspeichern gewährten.
Z.B. der „Karlsruher Virtuelle Katalog“ von Bibliothekaren und Informatikern entwickelt, ermöglicht seit 1996 (zwei Jahre vor der Suchmaschine Google) in einfacher Weise den Zugang zu den Wissensbestände ganz Deutschlands und weltweit.
Nur die Anpassung der Berufsstände und der Technologien garantierte eine durch die Jahrhunderte überdauernde Wissenstradierung. Technikwissen allein kann die in der Bibliothek gebündelte Kompetenz nicht ersetzen. Archivare und Bibliothekare werden von IT-Wissens- und Datenmanagern unterstützt, nicht ersetzt bzw. werden neue Fachkenntnisse in die Ausbildung der traditionellen Berufsstände integriert.
Und da die Bibliotheken schon lange vor der Entwicklung von Computer und Dateien an Wissenssammlungen gearbeitet haben, stellen sie einen wichtigen Bestandteil zur Erforschung der digitalen Kultur dar, die in den letzten Jahren nahezu natürlich „herangewachsen“ ist, aber in ihrer Komplexität noch keinesfalls erfasst oder verstanden wird.

Ort der Medienvielfalt
Bibliotheken bewahren schon lange nicht mehr ausschließlich Bücher. Seit dem Aufkommen der Zeitung und später der Zeitschrift, ermöglichen sie Zugang auch zu diesen Medien.
Bibliotheken verändern sich seit ihrem Bestehen sowohl, was das Trägermedienmaterial der Texte angeht (Steintafeln, Papyrus, Pergament, Papier, Magnetbänder, CD-ROMs, DVDs etc.), ihre jeweiligen Ausprägun-gen (Rotulus, Codex, Buch, Zeitung, Zeitschrift, Software) als auch was die Medieninhalte als solche angeht (Text, Musik/Hörbuch, Film, Anwendungen).
Die Digitalität wirkt sich auf alle bisherigen Medien aus und schafft eine nahezu beliebige Rematerialisierung und Rekombination. Gerade an einem Ort, an dem die Einzelmedien bisher aufbewahrt worden sind, ist auch die Vielfalt der bisherigen und zukünftigen Medien beheimatet.
Die jeweils neuen Technologien geben den Bibliotheken damit den Gegenstand ihrer Arbeit/Befassung vor.

Ort des Lernens
Neue „Wissensarbeitsplätze“ bilden eine stark nachgefragte Form des Raums (z.B. Nutzung in der KIT-BIB). Entgegen des Trends des ‚Überall-Arbeiters‘, der keinen festen Arbeitsplatz mehr nötig haben soll, wirken Räume in der Bibliothek sowohl produktiv als auch kreativ und schaffen eine Atmosphäre, die zuhause oder am Arbeitsplatz nicht angeboten werden kann.
Um solche neuen Orte attraktiv zu machen, benötigen Bibliotheken zeitgemäße Werkzeuge für Recherche, Rezeption, Kommunikation, Kollaboration und Produktion, die über einen traditionellen Lesesaal hinausgehen und auch virtuelle Räume mit ubiquitären Zugangsmöglichkeiten einschließen.

Ort der Vertrauenswürdigkeit
Durch die Digitalität von Information, schwindet fast zwangsläufig die Sicherheit über Authentizität und Integrität des Originals. Ganz im Sinne von Walter Benjamin (‚Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‘ 1936) potenzierte sich dieser Prozess mit dem Entstehen einer digitalen Kultur.
Gerade die Instanz der Bibliothek legt Zeugnis ab über eine jahrhundertealte Tradition verlässlicher Wissensspeicherung, die nicht zuletzt auch nachhaltig beteiligt waren an der Aufrechterhaltung und der Weiterentwick-lung politischer Ordnung und deren Sinnzusammenhänge, in der Antike ebenso wie im Staatensystem der Neuzeit. Nicht zuletzt deshalb existiert dadurch auch eine Legitimität des Vertrauens, welches in Bibliotheken gesetzt wird.  Auch wenn Inhalte heute über ein Internet-Portal abrufbar sind und das Gebäude der Bibliothek nicht notwendigerweise betreten werden muss, ist die von einer Bibliothek angebotene/vorgehaltene Informa-tion für den Nutzer dennoch vertrauenswürdig, weil sie aus einer Institution stammt, deren Verantwortungsbe-reitschaft genau so gewachsen und gefestigt ist, wie die Wissenssysteme, welche in ihr aufbewahrt sind und werden.

Ort der Überraschungen
Das in Bibliotheken zugängliche Wissen bietet seit jeher Neues für seine Nutzerinnen und Nutzer.
Gerade thematisch angeordnete Sammlungen laden zum Schmökern und Stöbern ein; der Nutzer entdeckt Inhalte und Materialien, nach denen er (noch) gar nicht gesucht hat. Die physikalischen Grenzen des realen Bibliothekraums sind hierbei ein geradezu korrigierendes Moment, das beim Browsen in virtuellen Wissensbe-ständen fehlt und dort leicht zum ‚lost in hyperspace‘ führen kann.
Aber nicht nur über die Bestände der Bibliothek entstehen Erkenntnisse und Überraschungen, sondern auch durch ihren geschützten Raum, der abseits von Zeitnot und sensorischer Überreizung eine Insel der Ruhe bietet. Durch die Abwesenheit von Ablenkungen, gewährt die Atmosphäre der Bibliothek zuweilen kontemplative Momente, die bedeutsamer sind als reine Kumulation von Information in kürzester Zeit.

Veranstalter

  • Max Weber Stiftung
  • Union der deutschen Akademien der Wissenschaften

 

 

Partner

  • Wissenschaft im Dialog
  • DRadio Wissen - ein Programm von DeutschlandRadio
gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung