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29.02.2012 | Freier Zugang für alle? Was Open Access für Wissenschaft und Verlage bedeutet


Ulrich Korwitz

leitet seit 1996 die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin, Gesundheitswesen, Ernährungs-, Umwelt- und Agrarwissenschaften (ZB MED) in Köln/Bonn. Nach seinem Studium der Biologie, Geographie, Pädagogik und Philosophie absolvierte er eine Ausbildung für den höheren Bibliotheksdienst. Danach leitete er vier Jahre lang die Zentrale Hochschulbibliothek Lübeck bis er 1987 stellvertretender Direktor der ZB MED wurde. Ulrich Korwitz ist Sprecher des Arbeitskreises „Open Access" der Leibniz-Gemeinschaft.

Statement

Open Access ‒ Open Data: Forschungsdaten kommen in den Fokus

Von der Gründung der ersten wissenschaftlichen Zeitschrift, im Jahr 1665, bis hinein in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, waren die Rollen im wissenschaftlichen Publikationsprozess festgelegt: Autoren produzieren wissenschaftliche Literatur, Peers begutachten, Verleger publizieren und Bibliotheken erwerben, verzeichnen, stellen bereit und archivieren. Mit der Verbreitung des Internets und der Möglichkeit der elektronischen Publikation durch jedermann haben sich die Rollen verschoben. Nicht mehr nur Verleger allein können publizieren, sondern dies kann auch von Bibliotheken oder den Autoren selbst übernommen werden. Auf Instituts- oder Bibliotheksservern befinden sich Millionen von Originalpublikationen frei verfügbar im Open Access, wenn auch teilweise in einer „Prepublication-Version". Es wird frei bereitgestellt oder, wenn dies von Verlegerseite aus nicht geduldet wird, im direkten E-Mail-Verkehr oder über soziale Netze untereinander getauscht und versandt.

Open Access ist also schon Realität, wenn auch je nach Fachgebiet im unterschiedlichen Ausmaß. Die Rolle der Verleger hat sich allerdings kaum gewandelt. Die Veröffentlichung in einer renommierten Zeitschrift ist immer noch das klare Ziel vieler Autoren, bringt dies doch die ersehnten Impact-Faktor-Punkte, die für die wissenschaftliche Laufbahn entscheidend sind.

Die Zukunft wird interessant. Die großen Verlage haben zwar noch eine dominante Stellung, kommen jedoch vielseitig unter Druck. Zum Einen hat die öffentliche Hand nicht mehr die Mittel alle Zeitschriften zu beziehen, da die jährliche Preissteigerungsrate von 8% nicht mehr aufgebracht werden kann und Sondermittel, wie Studienbeiträge für Big Deals, vielfach entfallen. Desweiteren verlangen immer mehr Forschungsförderer, wie die National Institute of Health (NIH), das European Research Council und Wellcome, dass publizierte Verlagsliteratur schnellstmöglich auf institutionellen Servern im Open Access bereitgestellt wird. Einige große Verlage sind auf Open Access eingeschwenkt und verlangen nun von den Autoren einen Beitrag vor der Veröffentlichung ihrer Arbeiten.

Die Entwicklung zur Etablierung von Open Access hat etwa zehn Jahre gedauert, wobei für die Zukunft eine Kombination mit der herkömmlichen Verlagspublikationsweise zu erwarten ist. Nun ist in den vergangenen drei bis vier Jahren eine neue Bewegung auszumachen, die in der Berliner Erklärung schon vorgeprägt war, zuerst aber keine praktische Rolle gespielt hat: Open Data, der freie Zugang zu Forschungsdaten. Damit sind alle, im Forschungsprozess entstehenden, Arten von Daten gemeint, z. B. Labordaten, Statistiken, nicht-textuellen Daten, Dateien und Umfragedaten. Je nach Fachgebiet ist die Bereitschaft dazu ausgeprägter oder nicht. Geophysikalische Daten oder auch statistische Daten im Bereich der Wirtschaftswissenschaften sind im großen Maße frei verfügbar, während chemische Labordaten oder Umfragedaten im Bereich der Psychologie nicht so oft frei bereitgestellt werden. Vielfach meinen diese Forscher noch, die Daten "gehören mir", sehen jedoch immer häufiger ein, dass sie aus öffentlichen Mitteln finanziert werden und die Früchte ihrer Arbeit auch der Öffentlichkeit gehören. Im Bereich der Protein- oder Genomforschung besteht sogar schon eine Verpflichtung der Zugänglichmachung der Forschungsdaten, parallel zur Publikation einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Verlage sehen sich nicht in der Pflicht die Daten zur Publikation zu speichern, dies überlassen sie den Forschern selbst und diese den neu aufgebauten Datenzentren. Zudem entstehen gerade „Data Journals". Große Institutionen wie die zentralen Fachbibliotheken in Deutschland vergeben „Digital Object Identifier (DOI)" für Datensätze, vergleichbar den ISBN für Bücher. Sie weisen in ihren Suchmaschinen neben Publikationen auch solche Forschungsdaten nach.

Für die Zukunft erwarten wir eine deutliche Ausweitung von Open Data. Hier spielen finanzielle Interessen wie beim Open Access keine Rolle, wenn auch der wahre Wert von Forschungsdaten noch gar nicht recht erkannt wurde.

Veranstalter

Max Weber Stiftung
Union der deutschen Akademien der Wissenschaften

 

 

Partner

DRadio Wissen - ein Programm von DeutschlandRadio

 

 

gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung